Foto: Heinrich Hannen versetzt sich in die Rolle eines Blinden.

               22. September 2017 — NGZ von Rudolf Barnold

 

Politiker erkunden blind die Straßen

 

Mit speziellen Brillen erlebten die Mitglieder des Bauausschusses Kaarst ohne Augenlicht.

Mirijam Bank gab eine halbe Stunde vor dem Bau- und Umweltausschuss Mitgliedern des Gremiums Einblick in ihr Leben: Die 41-Jährige, die vor elf Jahren vollständig erblindete, vermittelte ihnen 20 Minuten lang, wie es ist, im Zentrum von Kaarst unterwegs zu sein ohne sehen zu können.

Die Ausschussmitglieder, versehen mit einer Brille, die ihnen die Fähigkeit zu sehen weitgehend nahm, lernten als erstes, den weißen Blindenstock vor sich hin und her zu schwingen. Es galt zu erkennend, ob der nächste Schritt gegangen werden kann, ohne auf ein Hindernis zu stoßen. Diese "Übung" erregte die Aufmerksamkeit der Passanten und sorgte für einen kleinen Stau gegenüber dem Rathaus. "Der Stock gehört immer nach unten", sagte Bank. Sie verriet, dass eine schnelle Reaktion erforderlich sei, falls der Stock auf ein Hindernis stoßen sollte. Wichtig sei darüber hinaus für einen Blinden, die verbliebenen Sinne intensiv zu nutzen, vor allem das Gehör als Orientierungshilfe im Straßenverkehr. Neben dem Schwingen gibt es noch das Wischen: Darunter versteht man das Abtasten nach Hindernissen auf einer bestimmten Seite. Jeder der "Blinden" wurde von einer Person begleitet, an der Seite von Bank befand sich Susanne Badra, die seit kurzem im Planungsamt der Stadt Kaarst arbeitet. Heimo Schmitz (CDU) und Heinrich Hannen (Die Grünen) gehörten zu denen, die mit Brille und Stock ausgerüstet wurden. Zwischen Rathaus und Kunstcafé Einblick stießen sie auf ein vor kurzem verlegten Noppenfeld. "Dies ist ein Aufmerksamkeitsfeld", erfuhren die Blinden auf Zeit. Nach den Noppen kamen die Rillen kurz vor der Straße. Für Menschen mit ausreichendem Sehvermögen sind diese Markierungen in Stein ohne Bedeutung, für Blinde eine ganz wichtige Orientierungshilfe. In welcher Richtung gegangen werden muss, gibt der Begleiter übrigens nicht mit Begriffen wie "rechts", "links" oder "geradeaus" an - seine Anweisungen orientieren sich am Zifferblatt einer Uhr. Aus "geradeaus" wird 12 Uhr, aus "rechts" drei Uhr. Sabine Kühl (SPD) zog eine deutliche Bilanz: "Als Blinde stand ich gerade mal kurz in der Walachei."

Die "Kaarster Blindgänger" treffen sich am Mittwoch, 27. September, 16 Uhr, zum nächsten Stammtisch im Kunstcafé Einblick. Info: www.kaarster-blind-gänger.de

© Kaarster Blind-Gänger 2018

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