Logo Magazin Sichtweisen, mit blonder Frau in hellblauer Jacke und schwarzer Hose

Auszug Magazin Sichtweisen Mai 26 – Thema: Stil

Stil: Meine Kleidung, mein Stil, mein Ich

Der Kleidungsstil hat nichts damit zu tun, wie gut oder schlecht jemand sehen kann. Das zeigen die folgenden Beiträge sehbehinderter und blinder Menschen. Wichtig ist allen, dass sie sich wohlfühlen in ihrer Kleidung. Und sie soll Ausdruck ihrer Persönlichkeit, ihrer Identität sein. Dafür muss sie nicht der neuesten Mode folgen. Was gern getragen wird, ist individuell ganz verschieden.

 

Stil beginnt auf der Haut

Tamara Ströter steht in einem kurzärmeligen beigen Pullover und in Jeans in einer Umkleidekabine. Sie hat längeres glattes Haar.

Für mich bedeutet Stil vor allem eines: mich wohlzufühlen – in meiner eigenen Haut und in meiner zweiten Haut, der Kleidung. Sie soll sauber, gepflegt und aus natürlichen Materialien sein.

Stil heißt für mich nicht: Anzug- oder Kostümpflicht im Alltag. Eine Jeans und ein Hoodie können genauso „ich“ sein wie ein Outfit für einen besonderen Anlass.

Ich bin blind. Sehen spielt für meinen Stil also nicht die Hauptrolle. Entscheidend ist, wie sich Stoffe anfühlen, wie etwas sitzt, wie sicher ich mich darin bewege. Und ja, auch der Anlass zählt.

Es macht mir Spaß, mich in Schale zu werfen, wenn es passt. Dank einer Farb- und Stilberatung und sogar einem Personal Shopping ist mein Kleiderschrank heute gut sortiert.

Beim Personal Shopping bin ich mit Farb- und Stilberaterin Julia Fleck einkaufen gegangen – ein Luxus, den ich mir habe schenken lassen. Mit Begleitung einkaufen zu gehen, ist hilfreich und macht Spaß. Doch hebt so ein Personal Shopping das Einkaufen auf ein anderes Level? Mich hat es begeistert, nicht selbst durch das Kaufhaus laufen zu müssen. Alle Kleidungsstücke wurden passend zu meinem Typ ausgesucht – ich brauchte nur noch alles anzuprobieren und weitere Wünsche zu äußern. Schon lief die Beraterin los und brachte einen neuen Stapel Kleidungsstücke.

Kleiner Nachteil: Ich hatte eine große Auswahl und musste entscheiden, was in mein Budget passte und mit nach Hause durfte. Trotzdem überkommt mich manchmal immer noch das Gefühl: Ich habe gar nichts zum Anziehen. Die meisten Frauen können das wohl nachfühlen.

Und falls ich bei der Kleidungswahl doch einmal danebenliege? Dann genieße ich den Abend trotzdem. Stil hat schließlich auch mit Haltung zu tun. Wenn einmal etwas nicht perfekt zusam-menpasst, bediene ich eben mit einem Lächeln das alte Klischee, blinde Menschen könnten sich nicht anziehen. Wir wissen ja alle, dass das nicht stimmt.

Tamara Ströter (57) lebt in Velbert.

 

Stil und Identität

Silja Korn sitzt auf einer Bank, hinter der viele Pflanzen stehen. Sie hat kurzes dunkles Haar und trägt eine Sonnenbrille. Der gezackte Kragen ihres Shirts hat, ebenso wie ihr Tuch, einen Leoprint.

Ein guter Stil ist für mich weit mehr als das Tragen aktueller Trends. Er ist ein Ausdruck von Freiheit, Selbstbewusstsein, Persönlichkeit, Selbstbestimmtheit, kurz: das Entfalten eigener Identität.

Guter Stil bedeutet für mich, Kleidung zusammenzustellen, auszuwählen und auszupobieren, was zu mir passt. Guter Stil bedeutet, sich in Kleidung wohlzufühlen und Authentizität zu zeigen – statt Modetrends zu folgen, die gar nicht mein „Ich“ sichtbar machen.

Einen eigenen Stil zu entwickeln, ist mir sehr wichtig; es bedeutet, autonom zu sein. Denn Kleidung vermittelt eine Botschaft, die das Selbstwertgefühl stärkt. Ein individueller Stil wird zu wahrer Ausdrucksform, der die Identität und das ästhetische Empfinden widerspiegelt.

Ich richte mich nicht nach den Vorstellungen anderer, danach, wie sie sich kleiden. Häufig führt das nur dazu, dass alle ähnlich aussehen. Unabhängig von Trends wähle ich Kleidungsstücke, die mir gefallen. Daraus entsteht mein persönlicher Stil.

Silja Korn (60) lebt in Berlin.

 

Mit Hut, Rock und Stock

Kathleen Starke geht über eine Holzbrücke, die von hohen Pflanzen umgeben ist. Sie trägt eine lila Jacke, eine schwarze Mütze und einen pink-lila gestreiften Schal.

Warum gut gekleidet sein? Sie sieht es doch eh nicht. Diese Aussage hörte ich schon öfter. Für mich stellt sich diese Frage nicht. Ich bin hochgradig sehbehindert und habe noch einen kleinen Sehrest. Schon als Kind habe ich mich gern schick gekleidet. Röcke und Kleider mochte ich immer lieber als Jeans. Später bei der Deutschen Reichsbahn trug ich mit Stolz Uniform. Natürlich eher Rock als Hose. Auch danach war es für mich im Berufsleben selbstverständlich, stilvoll aufzutreten.

Im Privatleben trage ich gerne kräftige Farben, wobei ich nach wie vor Röcke und Kleider bevorzuge. Schwarz und Grau mag ich gar nicht, einzige Ausnahme sind Hosen. Diese trage ich meistens im Winter und kombiniere sie mit farbigen Pullovern, Blusen und Blazern.

Das ganze Jahr über trage ich Hüte und im Winter Mützen. Sie geben mir nicht nur Blendschutz, sondern unterstreichen auch meine Eleganz. In der Öffentlichkeit falle ich damit oft auf, schon bevor mein Blindenlangstock wahrgenommen wird. Auch im Winter trage ich helle Jacken oder solche in leuchtenden Farben, was mir zudem ein Gefühl von Sicherheit im Straßenverkehr gibt.

Guter Stil bedeutet für mich nicht teuer oder unbedingt modern. Kleidung muss zu mir passen, gut sitzen und meine Weiblichkeit betonen. Mein Stil ist sportlich-elegant.

Make-up nutze ich kaum. Ich fühle mich damit, als hätte ich eine Maske auf. Mit ungepflegten Haaren verlasse ich hingegen nie das Haus.

Stil hat für mich nichts damit zu tun, wie viel ich sehe – sondern wer ich bin.

Kathleen Starke (58) lebt in Schwerin.

 

Outfit sollte stimmig sein

Marschall Alam steht in einem schwarzem Anzug und einem weißen Hemd mit schwarzer Fliege vor einem historischen Gebäude.  Er hat weißes Haar und einen Dreitagebart.

Durch den Albinismus, den man mir unschwer ansieht, habe ich seit meiner Geburt eine Sehbehinderung. Diese wirkt sich auch auf die Wahrnehmung meiner Umwelt aus. Menschen aus mehreren Metern Entfernung zu erkennen, ist für mich zum Beispiel schwierig bis unmöglich – zumindest, was das Gesicht betrifft. Mimik oder Augenfarben bleiben mir auf Distanz verborgen.

Was ich aber sehr wohl erkenne, sind Silhouetten und die Kleidung der Menschen.

Oft erkenne ich Freunde oder Bekannte schon von Weitem daran, wie sie sich bewegen oder was sie gerade tragen. Die rote Jacke einer Freundin oder der markante Gang eines Kollegen sind für mich wichtige Anhaltspunkte. Das misst dem Kleidungsstil anderer einen besonderen Wert bei, da er mir zur Identifikation dient. Aber auch für mich selbst ist Kleidung etwas Wichtiges und bereitet mir im Alltag viel Freude.

Da ich Farben gut erkennen kann, mag ich es, sie miteinander zu kombinieren. Ich nehme mir Zeit für die Auswahl und achte dabei auch auf Nuancen, kleine Farbtonunterschiede und Muster, die gut zueinander passen. Es macht mir Spaß, das richtige Outfit für einen bestimmten Anlass herauszusuchen, sei es für einen beruflichen Termin oder ein Treffen mit Freunden.

Dabei richte ich mich weniger nach strengen Vorschriften oder den aktuellen Trends aus Modezeitschriften, sondern vielmehr danach, worauf ich gerade Lust habe. Auch die Haptik der Stoffe spielt für mich eine Rolle, also wie sich ein Pullover oder eine Hose anfühlt. Wenn ich mich in meinen Sachen wohlfühle, strahle ich das auch aus.                

Am Ende ist mir vor allem eines wichtig: Hauptsache, das Outfit sieht für mich stimmig aus und ich fühle mich darin sicher. Mode ist für mich eben ein Stück Selbstausdruck, mit dem man sich präsentiert – egal, wie gut man sieht.

Marschall Alam (35) lebt in Berlin.

 

Gern sportlich-elegant

Manuela Dolf geht in gelbe Regenjacke, Jeans und Sneakern an einem Strand entlang. Sie trägt eine Sonnenbrille.

Als vollblinde Frau brauche ich keinen bestimmten Stil, nur meinen eigenen. Für vieles bin ich offen, es muss sich gut anfühlen.

Wichtig ist mir, dass ich mich wohlfühle. Gern verwende ich Lippenstift, ansonsten keine Schminke im Gesicht, denn das hat für mich persönlich etwas von Karneval. Ich trage Ohrringe, habe meine kinnlangen Haare gut geschnitten und bevorzuge sportlich-elegante Kleidung. Nicht unbedingt nach der neuesten Mode, aber schon moderner.

Am liebsten mag ich Kleidung etwas körperbetonter, und solange es kein Rosa, Hellblau oder Mint ist, gehen fast alle Farben – außer bei Hosen. Die sind mir am liebsten in Blau, Weiß, Grau oder Beige in lang, kurz oder dreiviertel.

Oberteile sind für mich sowohl gemustert als auch einfarbig in Ordnung. Dünne Loops in uni als Deko zum Pullover oder Shirt trage ich ebenfalls gern. Ich kaufe oft die gleichen Marken. Mein Mann sucht mit aus, bestellt, und ich entscheide, nachdem ich die Kleidungsstücke anprobiert habe, ob sie mir gefallen. Seine ausführlichen Beschreibungen helfen mir dabei.

Blusen und Röcke sind überhaupt nichts für mich, Kleider meist nur zu festlichen Anlässen oder manchmal im Sommer bei Spaziergängen im Urlaub am Meer. Es gibt auch kaum welche in meinem Schrank.

Es ist für mich von Bedeutung, dass ich ordentlich herumlaufe und positiv wahrgenommen werde. Ich möchte nicht, dass man sagt: „Oh Gott, wie unmöglich schaut denn die blinde Frau aus!“ Doch auch für mich selbst hat ein guter Kleidungsstil einen hohen Stellenwert.

Manuela Dolf (60) lebt in Kaarst.

Redakteure: Marschall Alam, Manuela Dolf, Silja Korn, Kathleen Starke und Tamara Ströter

 

Stil: Wer schön sein will, muss tupfen

Manche sehbehinderte und blinde Frauen schrecken davor zurück, sich zu schminken. Es könnte etwas verschmieren, wenn sie das eigene Spiegelbild nicht oder nicht gut erkennen. Ich habe mir von der Farb-, Stil- und Make-up-Beraterin Julia Fleck zeigen lassen, wie ich meinem Gesicht auch ohne Spiegel einen frischen natürlichen Look verleihen kann. Mit den richtigen Tricks und Techniken ist das ganz leicht.

Schon bevor ich mich auf den Weg nach Düsseldorf-Benrath mache, ins Studio von Julia Fleck, ist meine Mitwirkung gefragt. Die Farb-, Stil- und Make-up Beraterin hat mir einen Fragebogen geschickt. Die Antworten dienen ihr zur Vorbereitung des Termins. Die Fragen nach Haar- und Augen farbe lassen sich noch leicht beantworten; ein wenig nachdenken muss ich schon, als die Frage lautet: Warum möchtest du eine Farb- und Stilberatung? Zwar lasse ich mich in diesem Fall aus beruflichen Gründen beraten – nämlich um mit eigener Erfahrung darüber schreiben zu können – doch es lohnt sich auch sonst, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Warum möchte ich, dass die Farben meiner Kleidung oder mein Make-up stimmig sind? Warum ist es mir nicht egal, ob ich übertrieben bunt wie ein Clown gekleidet bin oder übertrieben geschminkt wie ein Filmstar? Denn auch wenn ich keine Sehbehinderung hätte, würde ich mich selbst ja eh nur sehen, wenn ich in einen Spiegel schaue.

 

Das Gesicht strahlen lassen

Vielleicht ist das schon ein Teil der Antwort: Ich möchte, auch was meine Kleidung und mein Make-up betrifft, zu mir selbst stehen können. Das bedeutet nicht, dass alle anderen meinen Stil mögen müssen – die Wahrscheinlichkeit geht eher gegen Null, da Geschmäcker nun mal verschieden sind. Doch Kleidung zu tragen, deren Farben und Schnitte zum eigenen Typ passen und die man mag, und mit Make-up das eigene Gesicht ein bisschen mehr strahlen zu lassen, ist ein schönes Gefühl. Darum möchte ich mich beraten lassen.

An diesem Tag will Julia Fleck mir Techniken und Tricks für ein gelungenes Make-up verraten. Sie hat Erfahrung darin, sehbehinderte und blinde Kundinnen zu beraten – es sind zu fast hundert Prozent Frauen. Vor Jahren hat sie gemeinsam mit einer Mitarbeiterin des Berufsförderungswerks Soest eine Beratung speziell für seheingeschränkte Menschen entwickelt. Sie und ihr Team bieten sie nun auch als Workshop und Einzelberatung an.

„Wir haben die Produkte so auf einander abgestimmt, dass sie sich haptisch gut unterscheiden“, erklärt Julia Fleck. „Sie sind multifunktional einsetzbar, sodass man nicht viele verschiedene Kosmetika braucht.“ Sie legt Wert darauf, wenige, aber natürliche, nachhaltige Produkte einzusetzen.

 

Herausforderung: Augen schminken

Mit einem Wimpernbürstchen trägt Ute Stephanie Mansion Farbe auf die Wimpern des rechten Auges auf. Sie hat mittellanges dunkles Haar und blickt konzentriert.

Gespannt setze ich mich vor den mit Lampen umrahmten großen Spiegel – so stelle ich mir die Spiegel in einer Theatergarderobe vor. Da der Abstand für meine Augen etwas weit ist, stellt Julia Fleck noch einen kleineren Spiegel auf den weißen Tisch vor dem großen Spiegel. Zunächst darf ich eine Feuchtigkeitscreme auftragen, die der Hautpflege dient. Das hätte ich schon zu Hause tun können, doch vorsichtshalber habe ich an diesem Morgen gar nichts aufgetragen.

Dann verteile ich mit den Fingern eine Foundation, eine Art dickflüssige Creme, die die Haut ebenmäßiger wirken lässt. Das ist problemlos auch ohne Spiegel möglich. Nun ist die Basis für weiteres Make-up gelegt.

Die Augen zu schminken, ist mit Sehbehinderung oder blind, aber auch für viele Frauen ohne Sehbeeinträchtigung, eine Herausforderung. Es kann einiges schiefgehen, wie ich aus Erfahrung, zum Beispiel mit schlecht beleuchteten Hotelzimmerspiegeln, weiß. „Wir setzen darum bei seheingeschränkten Frauen keinen Kajal oder Eyeliner ein“, sagt die Stylistin. Die Verletzungsgefahr sei zu hoch. Die Verschmierungsgefahr auch, denke ich.

 

Puder statt Stift

Was geht, ist Lidschatten: Julia Fleck zeigt mir ein Produkt namens Cream Color Pot. „Den kann man sowohl für die Wangen als auch die Augen und die Lippen verwenden“, erläutert sie. Mit einem Finger kreise ich auf der karamellfarbenen Creme und tupfe die Farbe mit dem Finger von außen nach innen auf mein Lid. Auch das geht ohne hinzuschauen.

Julia Fleck hält mir ein Wimpernbürstchen hin, mit dem ich üben kann, Mascara aufzutragen. Mithilfe der Finger beider Hände lässt sich leicht ertasten, wie man das Bürstchen ansetzt. Doch ich nutze nur selten Mascara; meine Wimpern sind auch so lang und dicht genug.

Mich interessiert jedoch, ob sie nicht einen Trick kennt, wie ich geschickt einen Augenbrauenstift anwende. Sie kennt einen: Es gibt nicht nur Augenbrauenstifte, sondern auch Augenbrauenpuder. „Den kannst du mit einem Finger oder einem feinen Pinsel auf den Augenbrauen verteilen“, meint sie. Bei sehr wenig oder keinem Sehrest rät sie allerdings davon ab.

 

Spiegelbild nimmt Farbe an

Leicht sei es hingegen, Lippen und Wangen farblich hervorzuheben. Das probiere ich natürlich gleich aus. Die Farbe stammt wahlweise wieder aus dem Color Cream Pot oder von einem breiten Stift, ähnlich einem Lippenstift. Es stehen mehrere Farben zur Verfügung – bei der Auswahl ist der Rat der Fachfrau hilfreich. Mit einem Finger nehme ich den gewünschten Farbton, hier Pfirsich, auf und verschönere damit tupfend die Lippen. Mein Spiegelbild nimmt – im Wortsinn – langsam Farbe an. Die Finger reinige ich zwischendurch mit Tüchern, dann nehme ich damit wieder ein wenig Farbe auf und verteile sie auf den Wangen. Natürlich nicht irgendwie, sondern tupfend und den Tricks folgend, die Julia Fleck mir verrät.

Sie hat noch mehr Techniken in petto und weiß auch, wie ich nicht nur einen natürlichen Alltagslook, sondern auch ein Make-up für einen feierlichen Anlass hinbekomme.

Der natürliche Alltagslook verleiht meinem Gesicht mehr Frische – es fühlt sich so an, und ich erkenne es auch, als ich am Ende der Beratung in den Spiegel schaue. Beim ersten Mal gut angeleitet, ist es später leicht, sich mit ein bisschen Farbe und den eigenen Fingern diese Frische ins Gesicht zu zaubern.

von Ute Stephanie Mansion

 

Stil: Mode als Ausdruck von Zugehörigkeit

Ob Reißverschluss, Schnitt oder Stoff: Für viele Menschen mit körperlicher Behinderung entscheidet sich an Details, ob Kleidung im Alltag unterstützt oder zusätzliche Hürden schafft. Drei junge Frauen mit unterschiedlichen Hilfsmitteln und Anforderungen erzählen, woran adaptive Mode heute noch scheitert, welche Lösungen ihnen wirklich helfen – und warum Funktion allein nicht reicht.

Adaptive Mode ist Kleidung, die unterschiedliche Hilfsmittel, Körper und Alltagssituationen berücksichtigt – vom Rollstuhl bis zur Orthese. Für sehbehinderte und blinde Menschen wird adaptive Mode interessant, wenn sie zusätzlich eine körperliche Einschränkung haben. Oft entscheiden Details wie Reißverschlüsse, Schnitte oder Stoffe darüber, ob Kleidung praktisch nutzbar ist.

Ein Reißverschluss, der sich nicht gut greifen lässt. Eine Jacke, die nicht über eine Orthese passt. Eine Hose, die im Stehen gut aussieht, im Sitzen aber nicht mehr bequem ist. Was nach Kleinigkeiten klingt, kann darüber entscheiden, ob sich Kleidungsstücke gut tragen lassen oder doch ganz im Schrank bleiben.

Genau das zeigen die Erfahrungen von Katharina Hesener, Lea Menninger und Claire Horsbrugh. Ihre Anforderungen an Kleidung sind unterschiedlich – je nach Hilfsmittel, Körper und Alltag. Gleichzeitig tauchen bestimmte Probleme bei allen dreien auf: Passformen, die nicht mitgedacht wurden, unpraktische Verschlüsse, fehlende Flexibilität bei Schnitten und Materialien.

 

Keine Lösung für alle

Es gibt also nicht die eine adaptive Lösung für alle. Aber es gibt wiederkehrende Hürden. Eine solche Hürde beginnt für Lea Menninger, sobald der Winter einsetzt. Dann braucht sie lange Hosen. Gleichzeitig muss ihre Kleidung aber auf das funktionelle Elektrostimulationssystem (FES-System) an ihren Ober- und Unterschenkeln abgestimmt sein. Damit werden Nerven angeregt. Verrutscht etwas oder kommt sie nicht schnell genug an die Technik, wird ein Outfit im Alltag schnell zur Belastung. Immer wieder muss sie deshalb abwägen: Passt die Kleidung zu ihrem Hilfsmittel – oder verzichtet sie lieber zumindest auf die oberen Teile ihres FES-Systems, um es einfacher zu haben?

Ähnlich geht es Claire Horsbrugh mit Winterjacken: Die Ärmel passen häufig nicht über ihre Orthese, Reißverschlüsse lassen sich oft schlecht greifen, und auch Hosen müssen weit genug geschnitten sein, damit sie mit ihren Hilfsmitteln tragbar bleiben. Vieles davon ließe sich mit einfachen Anpas-sungen entschärfen.

 

Wunsch: funktional und modisch

Katharina Hesener sitzt in einem Rollstuhl. Sie ist schlank und hat mittellanges dunkles Haar. Sie trägt eine modische kurze rote Jacke, dunkle Jeans und weiße Sneakers.
Katharina Hesener  ·  Bild: privat
Katharina Hesener bringt eine weitere Perspektive mit ein: Im Rollstuhl verändern sich Passform, Länge und Sitz von Kleidung grundlegend. Hosen können im Sitzen zu kurz werden, rutschen oder unbequem sein. Jacken schieben sich hoch und sitzen oft im Rücken oder Nacken nicht gut. Dazu kommen Materialien und Nähte, die bei Druck, Reibung oder eingeschränkter Beweglichkeit schnell problematisch werden.

„Praktische Lösungen finde ich zwar grundsätzlich gut – aber eben nicht, wenn ich mich darin nicht wiederfinde.“ Für Lea Menninger ist das ein zentraler Punkt. Denn adaptive Kleidung wirke oft so, als hätte sie eine jüngere Zielgruppe gar nicht mitgedacht. Sie sucht aber keine Spezialoptik, sondern Mode, die zu ihren Hilfsmitteln passt und trotzdem ihrem Stil entspricht.

Katharina Hesener formuliert es noch grundsätzlicher: Adaptive Kleidung wirke oft entweder rein funktional oder rein modisch – aber selten wie beides zugleich. Denn wer Kleidung trägt, will nicht nur zurechtkommen, sondern sich darin auch wiederfinden. Alltagstauglichkeit endet deshalb nicht bei Verschlüssen, Stoffen oder Schnitten, sondern auch bei der Frage, ob ein Outfit zum eigenen Stil, Alter und Leben passt.

 

Bedürfnisse früher mitdenken

Für alle drei ist klar: Gute adaptive Mode entsteht nicht, wenn Unternehmen erst am Ende nach Feedback fragen. Lea Menninger wünscht sich, dass die Zielgruppe deutlich früher in Entwicklung und Design einbezogen wird – nicht nur symbolisch, sondern dort, wo Schnitte, Funktionen und Anforderungen entschieden werden. Auch Claire Horsbrugh betont, dass viele Verbesserungen weder kompliziert noch teuer sein müssten.

Aus ihrer Sicht fehlt es oft weniger an Möglichkeiten als an echtem Interesse, genauer hinzuschauen und sinnvolle Anpassungen mitzudenken. Gerade deshalb sind es häufig nicht die großen Innovationen, die einen Unterschied machen, sondern Lösungen, die konkrete Bedürfnisse von Anfang an mitdenken.

Für alle drei beginnt das Thema Mode nicht bei Trends, sondern bei Blicken von außen. Claire Horsbrugh beschreibt, dass ihr Körper seit ihrer Kindheit nicht neutral wahrgenommen wird – sondern kommentiert, bewertet und medizinisch gelesen. Kleidung ist für sie deshalb auch eine Möglichkeit, diesen Blick zu verschieben.

 

Kleidung verändert das Auftreten

Myoelektrische Orthese eines Arms. Der Reißverschluss der Jacke, die die Person trägt, verläuft über den ganzen Ärmel.  Eine Hand öffnet ihn.
Bild: Lukas Hepp
Alle drei sprechen nicht nur über Blicke, sondern über Reduktion. Nicht zuerst als Person, sondern über Hilfsmittel, Körper, Bewegung oder sichtbare Abweichung gelesen zu werden, verändert den Alltag. An diesem Punkt wird Mode mehr als eine ästhetische Frage: Sie wird zu einer Möglichkeit, dieser Fremdwahrnehmung etwas Eigenes entgegenzusetzen. Selbstbestimmt.

Wer immer wieder kommentiert, angestarrt oder auf den eigenen Körper reduziert wird, bleibt davon nicht unberührt. Was die jungen Frauen verbindet: Selbstbild entsteht nicht losgelöst von dem, was andere sehen oder hineinlesen. Kleidung kann diese Erfahrungen nicht aufheben – aber sie kann dabei helfen, sich ihnen nicht nur ausgeliefert zu fühlen.

„Ich möchte eigentlich genau wie jeder andere Mensch in meinem Alter normal shoppen gehen können“, erklärt Katharina Hesener. Kleidung ist für sie kein Nebenthema. Wenn sie sich gut angezogen fühlt, verändert das ihr Auftreten – und auch die Art, wie sie anderen begegnet.

 

Was Kleidung ermöglicht

Auch Claire Horsbrugh beschreibt Mode nicht als Oberfläche, sondern als Möglichkeit, Einfluss auf die eigene Wahrnehmung zu nehmen. Kleidung wird für sie genau dort wichtig, wo sie hilft, den Blick auf den eigenen Körper zu verschieben.

Bei adaptiver Mode geht es nicht nur darum, ob Kleidung nützlich ist. Es geht auch darum, ob sie Zugehörigkeit, Ausdruck und Selbstbehauptung ermöglicht. Mode allein verändert keine Gesellschaft. Aber sie kann einen Unterschied machen, wenn sie Menschen nicht von vornherein auf ihre Behinderung, ihre Hilfsmittel oder ihren Körper festlegt.

Für die drei Frauen geht es nicht nur um schöne Kleidung oder persönliche Vorlieben, sondern auch um Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und die Möglichkeit, sich im Alltag so zu zeigen, wie man ist. Darin steckt mehr als ein modisches Thema. Wer Kleidung findet, die zum eigenen Körper, zum eigenen Stil und zum eigenen Leben passt, erlebt oft auch ein Stück Selbstverständlichkeit und Empowerment. Nicht, weil damit alle Hürden verschwinden – sondern weil Mode dabei helfen kann, ihnen etwas Eigenes entgegenzusetzen.

Am Ende geht es also nicht nur darum, was Kleidung kann. Sondern auch darum, was sie ermöglicht.

von Nadine Lormis, REHACARE eMag

 

 

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